Der Anguss ist der Weg, über den die Kunststoffschmelze von der Maschinendüse in die Kavität gelangt – und die Stelle, an der sie ins Formteil eintritt. Als Angusssystem bezeichnet man die gesamte Schmelzeführung im Werkzeug, der Anschnitt ist der letzte, meist bewusst verengte Abschnitt unmittelbar vor dem Bauteil.
Für die Bauteilqualität ist kaum eine Entscheidung folgenreicher als die Lage des Anschnitts. Sie bestimmt, wie die Kavität gefüllt wird, wo Bindenähte entstehen, in welche Richtung das Bauteil schwindet – und wo am fertigen Teil eine sichtbare Markierung bleibt.
Das Wichtigste in Kürze
| Kernaussage | Bedeutung |
|---|---|
| Angusssystem und Anschnitt | Das System führt die Schmelze durch das Werkzeug, der Anschnitt ist der Übergang ins Formteil. Sein Querschnitt beeinflusst Fülldruck, Nachdruckwirkung und Angussentfernung. |
| Die Lage bestimmt das Füllbild | Von der Anschnittposition aus breitet sich die Schmelze aus. Fließwege, Bindenahtlagen und Orientierung der Molekülketten ergeben sich daraus. |
| Kalt- oder Heißkanal | Im Kaltkanal erstarrt der Verteiler bei jedem Zyklus und fällt als Abfall an. Ein Heißkanalsystem hält die Schmelze temperiert und vermeidet diesen Anteil. |
| Sichtbare Spur bleibt | Jeder Anschnitt hinterlässt eine Markierung. Bei Sichtbauteilen wird er deshalb in verdeckte Bereiche gelegt. |
Die gebräuchlichen Angussarten
- Stangenanguss: Direkter, kegeliger Anschnitt auf das Bauteil. Einfach herzustellen und druckgünstig, hinterlässt aber einen deutlichen Angussrest, der nachträglich entfernt werden muss.
- Punktanguss: Sehr kleiner Querschnitt, meist im Dreiplattenwerkzeug. Der Anguss reißt beim Öffnen ab und hinterlässt nur einen Punkt – gut für Sichtteile, verlangt aber höheren Einspritzdruck.
- Tunnelanguss (Unteranguss): Der Anschnitt liegt schräg unter der Trennebene und schert beim Entformen selbsttätig ab. Damit entfällt ein Arbeitsgang – die üblichste Lösung für automatisierte Serienfertigung.
- Bandanguss (Filmanguss): Breiter, flacher Anschnitt über eine Kante. Er füllt flächige Teile gleichmäßig und reduziert Verzug, muss aber nachträglich abgetrennt werden.
- Heißkanal-Direktanschnitt: Die Düse spritzt unmittelbar ins Bauteil. Kein Angussabfall, dafür Aufwand für Beheizung und Regelung.
Wie die Anschnittlage das Bauteil beeinflusst
- Bindenähte: Wo zwei Schmelzefronten aufeinandertreffen, entsteht eine Naht mit verringerter Festigkeit. Durch die Anschnittlage lässt sich steuern, wo sie liegt – vermeiden lässt sie sich bei Durchbrüchen nicht.
- Verzug: Die Schmelze schwindet entlang der Fließrichtung anders als quer dazu. Eine ungünstige Anschnittlage kann ein Teil dauerhaft verziehen.
- Nachdruckwirkung: Erstarrt der Anschnitt zu früh, wirkt der Nachdruck nicht mehr bis ins Bauteil – Einfallstellen und Maßabweichungen sind die Folge.
- Oberfläche: Zu kleine Anschnitte führen zu hoher Scherung und können bei empfindlichen Werkstoffen Schlieren oder Materialschädigung verursachen.
Die Anschnittauslegung gehört zur Werkzeugkonstruktion und wird bei uns gemeinsam mit dem Bauteil betrachtet – mehr dazu auf der Seite zum Spritzgusswerkzeug.
Häufige Fragen zum Anguss
Was ist der Unterschied zwischen Anguss und Anschnitt?
Der Anguss ist die gesamte Schmelzeführung vom Maschinendüsenanschluss bis zum Bauteil. Der Anschnitt ist der letzte, meist verengte Abschnitt direkt am Formteil. Umgangssprachlich wird Anguss oft für beides verwendet.
Kann der Angussrest wiederverwendet werden?
Bei Thermoplasten in der Regel ja – gemahlen und dem Neumaterial in definiertem Anteil zugegeben. Die thermische Vorbelastung ist dabei zu berücksichtigen, und bei freigabepflichtigen Bauteilen muss der Rezyklatanteil spezifiziert sein.
Warum sieht man am Bauteil eine Angussmarkierung?
An der Anschnittstelle wird Material abgetrennt oder abgeschert – eine Spur bleibt immer. Ihre Größe hängt von der Angussart ab; bei Sichtbauteilen legt man den Anschnitt in verdeckte Bereiche oder wählt einen Punktanguss.